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Manche Kinder denken schneller, als ihre Beine laufen können. Mila ist so ein Kind. Bis die Zeit beschließt, dass dieses Mädchen Hilfe brauchen könnte – und den Wind schickt.

Er schubst nur ganz sanft. Den Rest macht Mila selbst.
In einer Stadt, in der alle rennen und alles wichtig ist, lebt ein Mädchen, dessen Gedanken wie kleine, bunte Vögel sind – ständig wollen sie irgendwohin: zur Schule, zu gestern, zu morgen, zu „Was wäre, wenn…“.
Die Zeit sieht das. Und weil ihr dieses Kind auffällt, schickt sie ihm einen Begleiter, der nie erklärt und nie belehrt: den Wind.
In zehn Geschichten begegnet Mila dem, was auch wir kennen – einem Tag, der zu laut ist. Einem Zimmer voller Gedanken. Einem Warten, das sich anfühlt wie ein graues Loch. Und jedes Mal zeigt ihr der Wind nicht die Lösung, sondern nur, wo sie hinschauen kann.


„Mila und die Zeit“ ist so geschrieben, dass es zwei Türen hat. Kinder gehen durch die eine: Da ist ein Mädchen, ein unsichtbarer Freund und in jedem Kapitel ein kleines Wunder.
Erwachsene gehen durch die andere. Sie erkennen den vollen Kopf, den Leistungsdruck, das Gefühl, dass ein Tag verloren ist. Und sie merken beim Vorlesen, dass die Geschichte auch von ihnen handelt.
Manche Sätze versteht man erst, wenn man groß ist. So wie beim kleinen Prinzen.
Mila, der Wind und die Zeit – zum Vorlesen ab 6, zum Selberlesen ab 8. Über 100 durchgehend farbige, handgemalt anmutende Illustrationen. Jede Geschichte endet mit einer Idee, die man gleich ausprobieren kann.
Was Stress mit uns macht, warum wir nicht stehen bleiben können und wie viel in einer einzigen bemerkten Sekunde steckt. Nichts davon wird erklärt – es steht einfach da und wartet, bis man es sieht.
Der Prolog und das fünfte Kapitel – Seite für Seite genau so, wie sie im gedruckten Buch aussehen.
Klick auf das Buch – oder nimm die Pfeiltasten.


In dieser Stadt wohnten sehr viele Menschen,
die sehr viele Dinge sehr wichtig fanden.
Und weil alles so wichtig war, hatten sie selten Zeit.
Wenn man genau hinsah – und kaum jemand tat das – konnte man manchmal erkennen, wie sie stehen blieb. Für einen Herzschlag, für einen Atemzug, für den Augenblick, in dem ein Kind über etwas lachte, das kein Erwachsener mehr bemerkte.

Eines Tages – oder vielleicht schon lange davor – fiel der Zeit etwas auf.
Es waren nicht die Erwachsenen, die sie zuerst bemerkten,
wenn sie mal langsamer wurde.
Eines dieser Kinder hieß Mila.
Mila war nicht besonders mutig und nicht besonders ängstlich.
Nicht besonders laut, aber auch nicht besonders leise.
Sie konnte sehr schnell denken.
Schneller, als ihre Beine laufen konnten.
Ihre Gedanken waren wie kleine, bunte Vögel, die ständig irgendwohin wollten: zur Schule, zu gestern, zu morgen, zu „Was wäre, wenn…“.
Manchmal war Mila müde, obwohl der Tag erst angefangen hatte.
Nicht, weil sie nicht genug geschlafen hatte.
Sondern weil in ihrem Kopf schon so viel los war, bevor der Wecker klingelte.

Die Erwachsenen sagten dann:
Mila wusste, wie man Hausübungen machte, wie man Schuhe band und wie man sich entschuldigte, wenn man jemandem aus Versehen wehgetan hatte.
Aber sie wusste nicht, wie man „nicht so viel denkt“.
Oder wie man „sich entspannt“.
Und deshalb passierte es manchmal,
dass Mila das Gefühl hatte,
und beides passte trotzdem
nicht zusammen.
An einem Morgen – an einem ganz gewöhnlichen Morgen in einer ganz gewöhnlichen Stadt – beschloss die Zeit, dass Mila Hilfe brauchen könnte.
Nicht die Art Hilfe, die man
in einem Heft nachschlägt.
Nicht die Art Hilfe, die einen Zettel mit „To-do“ braucht.
Die Zeit rief jemanden, den sie schon lange kannte.
Es war niemand, der in einem Haus wohnte.
Niemand, der einen Schlüssel hatte oder einen Rucksack brauchte.
Der Wind kannte die Menschen gut.
Er war ihnen in den Nacken gefahren, wenn sie ohne Schal aus dem Haus gingen.
Er hatte ihre Haare durcheinander gebracht, ihre Blätter von den Tischen geweht, ihre Türmatten klatschen lassen.
Die meisten Menschen fanden ihn lästig.
Sie nannten ihn „Zugluft“ oder „Oje, es zieht“.
Aber der Wind wusste etwas, was sie vergessen hatten:
Wo er vorbeikam, atmete die Welt ein kleines Stückchen tiefer.
Manchmal pustete er einem Kind die Sorgen aus der Stirn, ohne dass es merkte, woher die plötzliche Leichtigkeit kam.
Manchmal klopfte er an die Fensterscheiben und flüsterte: „Schau mal raus. Nur kurz.“
Manchmal strich er über eine Wange und niemand wusste, warum plötzlich diese Gänsehaut da war.

Die Zeit sagte zum Wind: „Siehst du das Mädchen da?“
Der Wind blickte hinunter in die Straßen der Stadt. Zwischen Rucksäcken, Einkaufstaschen und Aktentaschen entdeckte er Mila. Sie stand an einem Zebrastreifen, hielt die Hand ihrer Mutter, und ihre Augen waren voller Dinge, die noch gar nicht passiert waren.
Der Wind lachte leise. Wenn der Wind lacht, klingt es manchmal wie raschelndes Laub, manchmal wie ein flatternder Vorhang.
Und so kam es, dass der Wind beschloss, von nun an ein bisschen besser auf Mila aufzupassen.
Nicht wie ein Wachhund.
Nicht wie eine Alarmanlage.
Eher wie jemand, der immer wieder vorsichtig anklopft und sagt:
Mila kannte den Wind zu diesem Zeitpunkt nur als etwas, das ihren Pony durcheinander brachte und ihre Zeichnungen vom Tisch wehte.
Sie wusste noch nicht, dass er mehr konnte.
Aber das sollte sie bald herausfinden.
Sie hat inzwischen gelernt, dass ein lauter Tag in viele kleine Geräusche zerfällt. Dass Gedanken Wolken sein dürfen. Dass man auf einer Stufe sitzen bleiben darf. Und dass ein Nachmittag ohne Bildschirm riesig werden kann.
Jetzt wartet sie. Und Warten ist das Schwerste.

Im Wartezimmer roch es nach Desinfektionsmittel und alten Zeitschriften.
Mila saß zwischen ihrer Mutter und einer Frau mit einem Schal, der so groß war, dass man sich darin hätte verstecken können. Sie schob ihren Rucksack mit der Schuhspitze hin und her.
An der Wand hing eine Uhr – eine von dieser Sorte, die so tut, als wäre sie unschuldig: weißes Ziffernblatt, schwarze Zahlen, schwarzer Zeiger. Sie war nicht laut, aber Mila hörte sie trotzdem.
Sie waren seit zehn Minuten hier.
Oder seit hundert. Oder seit einem ganzen Jahr.
„Noch zwei Patienten vor uns“, sagte ihre Mutter und blätterte in einer Zeitschrift, ohne wirklich zu lesen.
Die Uhr an der Wand machte weiter.
Warten fühlte sich an, als würde jemand alle Farben aus dem Tag radieren und nur ein graues Loch übrig lassen.
Die automatische Tür ging auf, ein kalter Luftzug strich ins Zimmer. Doch die Luft blieb anders – nicht mehr so verbraucht.
Der Wind rüttelte ein wenig am Pflanzentopf neben der Tür.
Die Blätter der Gummipflanze bewegten sich leicht, als würden sie von innen seufzen.
„Wie lange noch?“, fragte sie laut. „Nicht mehr so lange“, sagte ihre Mutter. „Versprochen.“
Mila schloss die Augen. Hinter ihren Lidern war es nicht spannender, aber ein bisschen ruhiger.
Sie hörte die Uhr, das Rascheln der Zeitschriften, das Summen der Neonröhre.
Und… etwas anderes. Einen Rhythmus.
Ihr Herz schlug schneller, als sie dachte, aber nicht hektisch. Nur… da. Sie legte ganz unauffällig eine Hand auf ihre Brust.
„Du kannst nicht machen, dass wir schneller drankommen“, murmelte Mila so leise, dass es nur ihr Mund wusste. Der Wind regte sich nicht.
Vor ihrem inneren Auge tauchte das Bild einer Treppe auf – die Schul-Treppe vom anderen Tag. Die Stufe, auf der sie gesessen hatte.
Mila hatte plötzlich die Idee, dass Warten nicht „nichts tun“ war. Vielleicht war es etwas, aber so klein, dass man es normalerweise übersah.
Sie stellte sich vor, die Uhr würde für jeden Tick etwas hergeben. Einen winzigen Stein. Ein Lichtpünktchen. Oder…
In ihrem Kopf war das Bild schon da: ein Glas, wie die, in denen zu Hause Marmelade war, bevor sie leer gegessen wurden.
Mila richtete sich auf, setzte beide Füße gerade auf den Boden, legte die Hände auf die Knie.
Mit jedem Tick suchte sie sich etwas, das sie mit dieser einen Sekunde verband. Nur diesen einen Augen-Bauch-Ohren-Atem-Moment.
Das Glas wurde voller. Nicht wirklich, natürlich.
Aber in ihrem Kopf konnte sie sehen, wie kleine, leuchtende Körnchen hineinfielen – manchmal hellgelb, manchmal durchsichtig, manchmal in Farben, die sie nicht benennen konnte.
„Du schaust so konzentriert“, sagte ihre Mutter. „Woran denkst du?“
„Ich… sammle“, antwortete Mila. „Was denn?“
Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch und lächelte. „Na dann. Sag Bescheid, wenn du genug hast.“
Die automatische Tür schhhhhte wieder. Eine Frau ging hinaus, ein Junge mit Gips kam herein. Die Arzthelferin steckte den Kopf durch die Tür. „Frau Renner?“ Die Frau mit dem großen Schal stand auf.
Milas Herz machte einen kleinen Sprung.
Sie merkte, dass der Satz im Kopf anders klang, je nachdem, welches Wort sie betonte.
„Darf ich kurz aufs Klo?“, fragte sie. „Geh schnell, aber nicht trödeln, ja?“

Im kleinen Waschraum stand da im Spiegel: Mila mit leicht zerzausten Haaren, die Augen ein bisschen müde, aber nicht leer.
Ihr Glas füllte sich weiter.
„Weißt du“, flüsterte Mila, während sie wieder neben ihre Mutter rutschte, „früher war Warten nur doof. Jetzt… naja, ein bisschen doof ist es immer noch. Aber es ist nicht mehr nur leer.“
Der Wind strich über ihr Ohr, als hätte er „Genau“ gesagt.
Mila erschrak. Sie hatte erwartet, dass es länger dauern würde.
„Na, hat das Warten sehr lange gedauert?“, fragte die Arzthelferin freundlich.
Früher hätte sie „Ja!“ gesagt, ohne nachzudenken. Jetzt dachte sie an die Sekundenkörnchen, an das Wasser am Waschbecken, an den Kaffeegeruch, an ihr Herz unter der Hand.
Dann fügte sie hinzu: „Ich hab was dabei gehabt.“ – „Was denn?“
Die Frau lachte, ohne es zu verstehen. Der Wind, der sie bis an die Tür begleitet hatte, blieb im Flur zurück. Er würde später wieder auf sie warten.
Der Arztbesuch selbst ging schneller vorüber, als Mila gedacht hätte. Als sie wieder draußen auf der Straße standen, war es später Nachmittag. Die Sonne stand tiefer und machte die Hausfassaden weicher.
Mila blieb einen Moment stehen.
Sie holte tief Luft. Der Wind griff die Luft auf, spielte kurz mit ihren Haaren und verschwand zwischen zwei Häusern.
Warten war immer noch nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Aber es war nicht mehr nur dieses graue Loch, in das die Zeit hineinplumpste und nie wieder herauskam.
Jetzt wusste sie:
Und irgendwo, unsichtbar, stellte die Zeit ein kleines, unscheinbares Glas auf einen imaginären Regalboden.
Es war das Glas für die Momente, die sonst niemand beachtete.
Von der Treppe, die kein Ende nahm, über den Schatten unterm Bett bis zu dem Morgen, an dem Mila vergaß zu suchen – weil sie zu beschäftigt war, zu sein.
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